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Belladonna, Stramonium, Hyoscyamus und Dulcamara heissen die in der Homöopathie am häufigsten verwendeten Nachtschattengewächse. Ein gemeinsamer Nenner ist die Giftigkeit, ein anderer die Angst vor Hunden. Trotz Gemeinsamkeiten hat aber jedes «Geschwister» dieser Familie seinen eigenen Charakter. Bei  Dulcamara können wir uns merken, dass die Beschwerden oft im Herbst erscheinen, genau wie die leuchtend roten Beeren dieser Pflanze. ‹Dulcamara-Menschen› ertragen den Wechsel von warm zu kalt oder von trocken zu nass nicht. Kalt auf heiss, feucht auf trocken – Dulcamara nimmt’s nicht locker!

  • Illustration Dulcamara
  • Bittersüsser Nachtschatten | © charliewarl via Unsplash

Steckbrief von Dulcamara

Beschreibung: Kriechende oder kletternde Pflanze, die bis 2 m lang wird und einen im unteren Teil verholzten, oben krautigen, leicht kantigen Stängel besitzt. Die Blätter sind breit lanzettlich, am Grunde herzförmig oder mit 1 bis 2 abgetrennten Teilblättchen. Die violetten Blüten befinden sich in einem gestielten, rispigen Blütenstand. Die Staubblätter sind zu einer auffälligen gelben Röhre verwachsen. Die Früchte sind leuchtende, glänzend rote, eiförmige Beeren, die vom Früh- bis Spätherbst reifen.

Blütezeit: Juni bis August

Verbreitung: Dieses eurosibirische Nachtschattengewächs ist in ganz Europa bis Mittelskandinavien, in Nordafrika sowie in West- und Ostasien heimisch. In Nordamerika wurde die Art eingeschleppt und ist in Kanada und in einigen nördlichen Staaten der USA verbreitet. Sie ist in der ganzen Schweiz bis auf eine Höhe von ca. 1'500 m ü. d. M. ziemlich häufig anzutreffen.

Standort: Der Bittersüss wächst an ökologisch recht unterschiedlichen Orten, gerne auf feuchten, nährstoffreichen und meist lehmigen Böden. Dies können lichte, feuchte Wälder mit viel Unterwuchs sein, aber auch Waldsäume und Schlagfluren. Die wassernahen Orte wie Auenwälder, an Flussufern, schattigen Bachläufen und in aufgelockerten Röhrichten sowie Grossseggenbeständen sind auch wichtige Standorte. Daneben findet man sie aber auch in Weidegebüschen, auf Dünen, in Kiesgruben und Geröllhalden.

Besonderheiten: Die Wirkung dieser stark giftigen Pflanze beruht vorwiegend auf den Steroidalkaloidglykosiden und Saponinen als Inhaltsstoffe. Diese wirken hämolytisch, das heisst, die roten Blutkörperchen werden zerstört. Die Aufnahme dieser Stoffe ist bei geringer Dosis  unvollständig, und die Symptome sind schwach. Durch Schädigung der Darmwand nimmt die Aufnahme jedoch schlagartig zu. Besonders unreife Beeren sind stark giftig, wovon 30 bis 40 Stück bei Kindern zum Tode führen. Der Alkaloidgehalt nimmt mit der Fruchtreife ab. Die Vergiftungserscheinungen gehen mit Übelkeit, Erbrechen, Zungenlähmung, Fieber, Augenflimmern, schmerzhaftem Durchfall und Atembeschwerden einher.

verwendeter Teil: frische, vor der Blüte gesammelte Triebe mit Blättern

wichtige Verwandte: Atropa Belladonna, Capsicum, Datura stramonium, Hyoscyamus, Mandragora, Nicotiana

Wirkung und Anwendung von Dulcamara in der Homöopathie

Symptome treten auf: wenn auf warme Tage kalte Nächte folgen (Herbst, Wüste, Berge), wenn der warme Körper durch Wasser oder Schnee abrupt abgekühlt wird, beim Übergang von einem warmen in einen kalten Raum (Kühlhaus, Klimaanlagen), beim Reisen in ein kälteres Klima, beim Sitzen oder Schlafen auf kaltem Boden (Camping, Herbstjagd), nach dem Schwimmen in kaltem Wasser, bei Unterkühlung nach Schwitzen (Sport, Arbeit). ‹Dulcamara-Menschen› leiden unter einem Mangel an Lebenswärme, gehören also zu der Gruppe der frostigen Menschen, die sich rasch erkälten.

Auslöser (Causa) und Modalitäten sind bei der homöopathischen Mittelwahl von grosser Bedeutung. So lehrt uns der grosse Homöopath Kent: «Wir müssen die jahres- und tageszeitlichen Verschlimmerungen berücksichtigen, die Tag- oder Nachtverschlimmerungen. Wir müssen zwischen feuchten und trockenen, warmen und kalten Mitteln unterscheiden. Wir müssen unsere Mittel von den Umständen ihrer Besserung und Verschlechterung her studieren.»

Typische Dulcamara-Beschwerden sind Augenbindehautentzündung nach dem Schwimmen oder bei Regenwetter, Asthma bei nass-kaltem Wetter, Mittelohrentzündung nach dem Schwimmen, Skifahren, Herbstschnupfen mit reichlich dick-gelbem Schleim (evtl. kombiniert mit  Nackensteifigkeit), Herbstbronchitis, Blasenentzündung, Reizblase, Bettnässen nach dem Sitzen auf kalter Unterlage oder nach nassen Füssen, Kälteallergie bei feuchter Kälte (Nesselfieber, Quaddeln, sieht aus wie Flohstiche), Herpes der Lippen nach Durchnässung oder Herpes im Genitalbereich bei Erkältungen oder Unterkühlung von unten, Sommerdurchfall bei Wetterwechsel (schleimig, abwechselnd gelb und grün), Stuhloder Harndrang bei Kälte, rheumatische Beschwerden durch Einwirkung von Kälte und Nässe, Schultersteife, z. B. «frozen shoulder». Bei entsprechenden Symptomen und Modalitäten kann Dulcamara auch bei Ischias oder sogar bei Bechterew (Wirbelsäule schrumpft und verknöchert) hilfreich sein.

Nebst dem bereits erwähnten Nesselausschlag können auf der Haut auch Warzen auffallen (Gesicht, Handrücken, Finger). Sie können gross und fleischig (vgl. Thuja) oder auch flach sein. Wenn Hautausschläge unterdrückt wurden oder im Wechsel mit Rheuma auftreten oder wenn Rheuma und Durchfall sich abwechseln, können dies auch Hinweise auf Dulcamara sein.

Der Nabel scheint eine besondere Beziehung zu Dulcamara zu haben, schneidende Schmerzen um den Nabel vor dem Stuhlgang, oder wie es ein Kind ausdrückte: «… da tief im Loch tut es weh».

Bei der Wahl von Dulcamara stehen normalerweise nicht die Gemütssymptome im Vordergrund. Georgos Vithoulkas hat aber interessante Hinweise gefunden, die das Mittel bestätigen oder uns überhaupt erst an Dulcamara denken lassen. ‹Dulcamara-Menschen› haben Angst um die Gesundheit ihrer Familienangehörigen, Verwandten oder Nachbarn, sie versuchen, diese möglichst unter Kontrolle zu haben. Sie treten als besitzergreifende, dominierende, rechthaberische und streitsüchtige «Familienhäuptlinge» auf.

Vergesslichkeit (vergisst, was er sagen wollte, findet das richtige Wort nicht) und Angst um die Zukunft (nach Mitternacht) oder Angst in der Dunkelheit und vor Gewittern gehören auch zum Arzneimittelbild dieses Heilmittels.

Das Arzneimittelbild von Dulcamara

Alle Arzneimittelbilder

Wirkt bevorzugt auf:

  • Zentralnervensystem, Muskeln und Gelenke, Harnblase, Nieren, Haut, Bronchien, Augen.

Passt besonders zu:

  • zänkischen, besitzergreifenden, dominierenden, ungeduldigen, ruhelosen Personen.

Hauptindikationen:

Muskel- und Gelenkrheuma, Blasenkatarrh, Nesselfieber, Fieberblasen, Durchfall.

Besonders wichtig für die Mittelwahl

Folgen von nasskalter Witterung, feuchten Räumen oder direkter Nässeeinwirkung (Muskel und Gelenkrheumatismus, Blasenentzündung, Nesselfieber).

Symptome:

Augen-Bindehaut-Entzündung nach Schwimmen oder bei Regenwetter / Fieberblasen, wunde Lippen bei geringster Kälte / Durchfall mit Nabelschmerz (im Sommer) / Bettnässen nach Durchnässung.

Allgemeines:

Beschwerden wechseln sich ab, z. B. Durchfall im Wechsel mit Nesselhautausschlägen.

Modalitäten:

Schlimmer durch Nässe und Kälte (nasskalte Witterung, Wetterwechsel, Durchnässung, baden, sitzen auf kaltem Boden, wenn auf heisse Tage kalte Nächte folgen), Ruhe.
Besser durch Bewegung und Wärme.